Erzählungen 2016 - Claus Schierenbeck - cds.art.de

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CLAUS SCHIERENBECK

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ERZÄHLUNGEN AUS DEM LEBEN

- 2016 -



Einfach mal glücklich sein ...
Claus Schierenbeck, 14. Oktober 2016


Heute Nacht bin ich irgendwann aufgewacht.
Meistens wacht ein Mann meines Alters ja auf, weil er zum Pinkeln muss. War aber dieses Mal nicht so.
Nun, jedenfalls schaltete sich sofort mein Hirn ein und dachte so vor sich hin. Seltsamerweise dachte es nicht an den Termin im Krankenhaus, den ich heute habe (und der ganz bestimmt keine gute Laune macht), sondern war in einer ganz anderen Richtung unterwegs.
Ich dachte an den gestrigen Tag. Ich hatte die Nacht davor nicht sehr gut geschlafen und bin ziemlich müde zu meinem „Vierhundert-Fuffzich-Euro-Job“ gewankt. Dort angekommen sah ich, dass ich doch ziemlich viel zu tun hatte und dachte nur: „Bohhh, so müde muss ich jetzt auch noch Kunden durch die Gegend fahren. Nee, eigentlich keinen Bock drauf.“

Die ersten zwei Kunden, die ziemlich weit entfernt wohnten, nahmen in meinem Dienstfahrzeug Platz, und wir fuhren los. Ziemlich schnell kamen wir ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass diese beiden sehr netten älteren Herrschaften einen tollen Humor hatten und nach dem ersten Kilometer haben wir schon alle herzlich gelacht. Der nächste Kunde, den ich abholte, war genauso nett. Auch mit diesem Herrn hatte ich großen Spaß. Wir haben die Fahrt beide genossen.

Meine Laune besserte sich immens – und der Tag ging so weiter. Alle Kollegen waren gut drauf, alle Kunden entspannt, und der Tag war mein Freund. Das war einfach ein tolles Gefühl, und ich schwelgte nun nachts in der Freude, die der Tag hinterlassen hatte.
Dieses gute Gefühl wollte ich einfach länger genießen. So begab ich mich innerlich auf eine Wanderschaft durch die Lebensweise und die Dinge um mich herum, die ich einfach schön finde, weil sie so sind wie sie sind:

Ich habe eine liebe Frau, mit der ich mich gut verstehe und gerne zusammen bin.
Als Rentner habe ich sowieso den besten Beruf, den man sich vorstellen kann.
Und ich habe einen prima Nebenjob, der mir Freude bereitet.
Ich habe eine schöne Wohnung, und diese befindet sich in einer noch schöneren Gegend.
Ich habe liebe Nachbarn, mit denen (und mit deren Tieren) ich mich angefreundet habe.
Ich habe tolle Freunde, usw.

Das alles und noch viel mehr schöne Dinge geisterten nun heute Nacht durch meinen Kopf. Nicht immer im Leben ging es mir so gut. Es gab auch ziemlich schlimme Zeiten.
Nun ja, so ist es halt. Alles im Leben hat seine Zeit, seinen Platz und seinen Raum in den Erinnerungen.
Jedenfalls hatte heute Nacht alles Gute seinen Platz und nahm mein ganzes Denken mit sich.
Früher hätte ich das wahrscheinlich gar nicht so wahrgenommen. Ich hätte einfach weitergeschlafen und dieses Gefühl regelrecht „verpennt“.
Aber ich habe in den letzten Jahren gelernt achtsam zu sein, wahrzunehmen, das Wahrgenommene zu verarbeiten und mich daran zu erfreuen.

Und siehe da, ich habe auch gelernt, einfach mal glücklich zu sein…!!!

PS:
Äääh, Pinkeln war ich dann übrigens doch noch.


Kann man sich die Stadt abgewöhnen?
Claus Schierenbeck, 26. Oktober 2016


Die Langenhorner Chaussee, nicht unbedingt die Straße, die man gerne fährt. Ganz unangenehm fand ich früher, beim Durchfahren, das Ende der „Langenhorner“ mit diesen seltsamen heruntergekommenen Ladenzeilen.
Wahrlich keine schöne Ecke Hamburgs. Ich war immer froh, wenn ich endlich die Segeberger Chaussee erreicht hatte.
Wie kommt es, dass ich grad heute darüber nachdenke?

Es ist Samstag. Ich bin für eine Woche allein, weil meine liebe Frau mit einer Freundin nach Italien geflogen ist. Und da ich heute nichts zu tun habe, bin ich mal nach Eimsbüttel, meine alte Heimat, gefahren.
Ein schöner Kaffee und ein Croissant bei Toni im Eppendorfer Weg wäre jetzt genau das Richtige und ich freue mich schon drauf. Nur noch einen Parkplatz finden und dann genießen. Samstag Mittag. Nur noch einen Parkplatz finden…

Ich fahre den Eppendorfer Weg herunter und wieder zurück. Dreimal bei Toni vorbei. Meine Suche hat keinen Erfolg. Aber ich hatte mich doch schon so auf den Kaffee gefreut. Hmmm, für Toni ist wohl heute nicht der richtige Tag. Was nun?
Ach, der Eppendorfer Weg ist lang und ich fahre mal weiter. Irgendwo wird schon ein kleines Café auf mich warten. Ich sehe das Vespers an der Ecke Osterstrasse. Dort kehre ich ein.
Ich finde einen Parkplatz, freue mich, finde einen Tisch und freue mich nochmal. „Einen Americano mit Milch und ein Stück Kuchen bitte“. Die Kellnerin ist superfreundlich.
Neben mir sitzt ein junges Paar. Der Mann hat zwischen mir und ihm einen Stuhl herausgezogen und mal eben einfach irgendwohin an den Nebentisch gestellt. Die Leute an dem Tisch haben etwas verwundert geschaut.
Die nette Kellnerin kommt zu den beiden und der Mann sagt: „Zwei Kaffee“. Sie bringt den Kaffee. Nichts kommt von den beiden. Der Typ winkt die Kellnerin noch einmal heran: „Einmal Rührei“. Die Kellnerin bringt das Rührei. Nichts kommt von den beiden. Die nette Kellnerin ist dreimal bei den beiden „Herrschaften“ gewesen.  Kein „Bitte“, kein „Danke“, nichts.  Ich verstehe das nicht. Wo ist denn die Erziehung? Sagt man das heute nicht mehr? Bin ich zu alt? Ich weiß es nicht.
Und deren Sprache verstehe ich auch nicht so recht. Business-Denglish vom allerschlimmsten. Ich glaube nur in Deutschland ist man freiwillig bereit die Muttersprache so tief in den Gulli zu schmeißen, dass sie keiner mehr wiederfindet. Schade drum.

Ein zweites Paar ist auf dem Weg, sich zu diesen unglaublichen Menschen zu gesellen. Vater mit zwei Kindern an der Hand, Mutter mit Kind im Kinderwagen.
Mutter knallt mit ihrem Kinderwagen gegen meinen, zugegebenermaßen zwei Zentimeter von meinem Tisch herausragenden Fuß. Es entfleucht ihr ein „oh“. Es hört sich eher an wie ein trockener Furz als eine Entschuldigung und ich schaue sie etwas verdutzt an.
Keine weitere Reaktion.
Die Kinder stehen einen Zentimeter vor meinem Tisch und fangen an zu schreien. Ich schaue jetzt etwas mehr als nur verdutzt. Das unmögliche erste Paar unterhält sich einfach mit dem unmöglichen zweiten Paar. Es interessiert keinen ob es vielleicht die anderen Gäste stören könnte. Auch an anderen Tischen schaut man schon etwas genervt. Es ist diesen Menschen völlig Wurscht was um sie herum ist.
Ich bin sprachlos. Soll ich jetzt etwas sagen, soll ich mich aufregen, oder explodieren?
Ich schlinge das letzte Stück meines Kuchens in mich hinein, gehe ins Restaurant zu der netten Kellnerin, die ein leises „sorry“ murmelt. Sie kann doch nichts dafür und muss sich nicht für irgendetwas entschuldigen, tut es aber. „Vielen Dank dafür“ sage ich. Ich bezahle und gehe zu meinem Auto. Der nächste lauert schon auf den Parkplatz.
Das war schon ein denkwürdiger Besuch in Eimsbüttel. Aber ich hatte wenigstens einen Parkplatz…

Ich fahre nach Hause.
Ich fahre auf der Langenhorner Chaussee nach Hause und freue mich. Das ist auf der Straße ja ein neues Gefühl.
Ich freue mich auf mein schönes Zuhause ganz am Ende der Langenhorner Chaussee, da wo ich niemals auch nur durchfahren wollte…
Ich freue mich auf schöne Anlage, die großen Wiesen vor der Terrasse und meinem kleinen Garten, auf die wunderschönen Linden, die Ruhe und die gute Luft. Und einen Parkplatz habe ich hier auch.

Die Langenhorner ist gar nicht schlimm, sie ist mein Weg nach Hause.
Und wenn ich möchte, bin ich in einem Kilometer im Grünen, oder in 5 Kilometern in der Stadt (vielleicht doch nochmal ein Kaffee im Versepers …).

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