Erzählungen 2017 - Claus Schierenbeck - cds.art.de

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CLAUS SCHIERENBECK

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ERZÄHLUNGEN AUS DEM LEBEN

- 2017 -



"Hast du etwas Zeit?"
Claus Schierenbeck, 11. April 2017


Mein Nachbar, der mir gerade einen schönen heißen Tee gemacht hat, druckst ein wenig herum als er mir diese Frage stellt. Ich will Dir nicht Deine kostbare Zeit stehlen, und es ist mir sehr unangenehm zu fragen. Er fragt nun schon zum 3. Mal hintereinander ob es ok ist, wenn ich den Handwerkern die Tür öffne während er bei der Arbeit ist. Und ich wiederhole nun auch schon zum 3. Mal, dass es mir nichts ausmacht, ganz im Gegenteil.

Dieses Gespräch geht mir nicht aus dem Kopf. Ich denke darüber nach.
Zeit, was ist das eigentlich?

Mein Nachbar, dessen Tee ich gerade genieße, geht morgens um 7 aus dem Haus und kommt abends um 7 wieder nach Hause. Hmmm, das ist eindeutig zu viel. Er hat zu nichts anderem mehr Zeit als für Arbeit und Fortbildung und vielleicht noch zum Kochen.

Ich bin nach 40 Jahren Arbeit nun Pensionär, bei mir ist es andersrum. Ich arbeite wenig und habe Zeit. Zeit im Überfluss. Zeit, die ich mir einteilen kann. Zeit, die ich genießen kann. Zeit, die ich verschenken kann. Zeit, die ich einem lieben Menschen, meiner Frau, einem netten Nachbarn oder auch mir selbst schenken kann. Welch ein Luxus. Zeit zu haben in der heutigen Zeit. Alle sind im Stress, alle sind in Eile, niemand hat Zeit und schon gar nicht die Muße, darüber nachzudenken.

Ich denke darüber nach und genieße genau jetzt – in diesem Augenblick – meine Zeit. Nichts ist wichtig, alles ist gut und die Zeit, sie fließt einfach.
Nun, da ich in der Lage bin, Zeit zu verschenken, was passiert da eigentlich? Geschenkte Zeit ist schwieriger anzunehmen als eine Flasche Wein. Es ist unangenehm und macht Schwierigkeiten. Man kann dieses Geschenk nicht wieder gut machen – denkt man …
Muss man doch gar nicht, eine geschenkte Flasche Wein macht man doch auch nicht „wieder gut“, oder?

Wenn ich meine Zeit verschenke, mache ich das, weil ich mich über die Freude des anderen freue, weil ich ein Dankeschön in Form eines Lächelns erhalte, weil ich zum Tee eingeladen werde und weil ich den Beschenkten mag. Und ein Stück weit mache ich das auch einfach für mich. Ich bekomme dafür ein wenig Anerkennung, ein wenig Gefühl von „gebraucht werden“, ein bisschen „Mensch Alter, gut, dass ich Dich als Nachbarn habe“. Das ist der Lohn des Rentners, der Zeit zu verschenken hat. Das macht mich glücklich, so einfach ist das.

Und wenn ich dann mal keine Zeit habe, dann bin ich doch alt und erwachsen genug das auch zu sagen.
Schließlich haben Rentner doch nie Zeit…


"Wir sollten mal einen Wein zusammen trinken ..."
Claus Schierenbeck, 14. Mai 2017


Ich fahre, habe gute Laune, das Wetter ist toll, das Radio läuft auf Hochtouren. Ich lächle vor mich hin und singe ein bisschen mit. Unser kleines Cabrio (ich liebe unseren Smart) schnurrt und ich freue mich über die Sonne.
Ich bin auf dem Weg zur Arbeit. Mir bringt mein „Minijob“ richtig Spaß – Shuttle fahren bei Mercedes. Nette Kollegen, interessante Kunden, schöne Autos. Bin gleich da.
Rum um die Kurve, auf Fußgänger achten, auf Fahrräder achten, auf den Verkehr achten.
Alles wunderbar.

Da steht er plötzlich. Auch ein Smart. Wieso steht der da? Wieso steht der quer vor mir, was macht der da, wieso???
Scheiße, das Radio ist zu laut, die Bremse ist zu langsam – ich kann nur noch ausweichen, ausweichen, auswei…
Weg von dem Smart! Ich schaffe das, ich kann Auto fahren – und das ziemlich gut – und ich habe eine gute Reaktion.
Nur nicht in die Tür fahren, dann killst Du den Fahrer, nur nicht in die Tür!           
BAAAFFFF….!!!! Volltreffer. Aber nicht die Tür getroffen.
Ich bin nicht Schuld. Das ist das einzig Positive im Moment.

Puh, durchatmen, ruhig bleiben, rechts ran, Auto aus, Radio aus, Rückspiegel.
Was ist mit dem anderen Fahrer?
Raus aus dem Smart und hin zu dem anderen. Es knirscht und kracht unter meinen Füßen. Auf der Fahrbahn liegen die Plastikteile unserer „Smarties“ verstreut herum.
Die Dame öffnet die Tür. Ich will nicht, dass sie irgendetwas hat. Ich will, dass sie wohlauf ist. Ich will, dass sie gesund ist. Ich will sie lachen sehen, egal, was passiert ist. Ist eh egal, was passiert ist, die Smarties sind nicht wichtig (naja, ein bisschen vielleicht).
Etwas zittrig steigt die Dame aus, und ich frage, ob ihr etwas passiert ist…?
Mit großen Augen schaut sie mich an und scheint nicht zu verstehen, dass ich aufrecht vor ihr stehe. Wir beide scheinen unverletzt, sind aber ziemlich wackelig auf den Beinen.
Kein Wunder, schätzungsweise bin ich mit 30-40 km/h in ihr Auto gekracht. Ich habe die Vorderachse getroffen und darüber freue ich mich, weil ich nicht in die Tür gefahren bin!
Unsere Autos sind wohl beide hinüber.

Meine Unfallgegnerin ist ziemlich geschockt. Ich lege ihr meinen Arm um die Schultern und tröste sie. Hauptsache, wir sind beide gesund und munter. Alles andere macht die Versicherung. Ist doch wurscht.
Wir schauen uns die Autos an und wundern uns, dass wir so glimpflich davon gekommen sind.  

Später in einer Email schreibt sie mir: „Wenn ich mir für einen Crash – den ich mir nie gewünscht habe – jemanden hätte aussuchen dürfen, ich hätte Sie an erster Stelle gewählt.  
Ist ja auch eingetroffen. Ich nenne das jetzt mal Glück im Unglück!“
Gut, dass ich nicht die Tür getroffen habe…

Zwei Tage später:
Muttertag, Blumen kaufen, es geht mir gar nicht so gut. Mein Rücken, Kopf und Nacken sind wohl etwas unfallgeschädigt, aber es ist nicht sooo schlimm.
93 Jahre alt, dement, mehrfache Stürze und und und…
Der Besuch bei meiner Mutter steht vor mir – ganz ähnlich wie der Smart vorgestern, der quer vor mir stand. Auch hier kann ich nicht bremsen oder ausweichen. Kann nur volle Kanne da rein und diesen psychischen Crash durchleben.

Als ich wieder aus dem Krankenhaus komme, scheint die Sonne. Bestes Wetter zum Golfspielen, aber ich kann heute einfach nicht.
Wir sitzen in unserem Lieblingscafé in Eppendorf. Ich denke darüber nach, wie lang oder kurz das Leben ist.
Letztens sagte ein Nachbar zu mir: „Wir sollten mal einen Wein zusammen trinken.“ Tja, wäre der Unfall schlimmer gewesen, hätten wir vielleicht keinen Wein mehr zusammen trinken können. Und auch mit meiner Mutter kann ich jetzt keinen Wein mehr trinken …

Wir sollten mal…
Egal, was du in der Zukunft machen willst, sag niemals: Wir sollten mal …
Es muss heißen: Wir machen das! Jetzt!
Nicht morgen, nicht übermorgen und nicht in der Zukunft – ganz einfach jetzt!
Wenn du es nicht gemacht hast, ist es vorbei.
Der Moment, die Stunde, die Minute, das JETZT. Vorbei!
Wenn du es nicht gemacht hast, kann es einfach zu spät sein.

Mach es …!
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