Erzählungen 2020/1 - Claus Schierenbeck - cds.art.de

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CLAUS SCHIERENBECK

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ERZÄHLUNGEN AUS DEM LEBEN

- 2020/1 -



Mykonos
Claus Schierenbeck, 15. März 2020


Mykonos, wie schön. Da würde ich gern mal hinfahren.
Diese Farben, die weißen Häuser, das klare blaue Meer, die Landschaft, die Aussicht, das Licht. Unglaublich.
Ich genieße mit den Augen.
Der Film ist eine Schnulze, egal, Mykonos. Was für ein Traum. Ein Traum.
Vorbei. Der Film ist zu Ende. Sie haben sich gekriegt, vor der Kulisse von Mykonos. Rosamunde Pilcher, oder so etwas.
Ich würde gern mal nach Mykonos.
Plötzlich vorbei. Der Film ist vorbei und der Traum auch.
Plötzlich vorbei. Die Nachrichten kommen und es holt mich ein. Massiv. Heftig. Unweigerlich.
Plötzlich ändert sich alles.  
„Corona“ …
Es trifft mich nach diesem „heile Welt Film“ besonders stark. Ich denke über 65 Jahre freiheitliches Leben ohne große Katastrophen nach.
Was haben wir für ein Glück gehabt in Deutschland.
Die meisten Katastrophen, Hurrikans, Erdbeben, Kriege und vieles mehr ist außerhalb Deutschlands passiert. Außerhalb des „geschützten“ Raumes. Außerhalb meines Lebens. Wir konnten uns immer frei bewegen, für uns standen alle Grenzen (zumindest die meisten) offen. Selbst unsere eigene Grenze ist irgendwann gefallen.

Und jetzt?
Die ganze Welt steht auf dem Kopf. Die Katastrophe ist da. Weg das leichte Leben, die Freiheit, die Grenzenlosigkeit, der Spaß.
Alles ist anders, von heute auf morgen.
Letzte Woche war ich auf Sylt. Heute kann man auch dort nicht mehr hin.
Unsere Urlaubsländer:
Italien, Spanien, Dänemark, Österreich, Griechenland (Mykonos). Nicht mehr zu erreichen.
Dicht. Die Grenzen, die Kneipen, die Restaurants, die Einkaufszentren. DICHT, geschlossen, nicht mehr begehbar. Das Leben eingeschränkt, von heute auf morgen.
Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas erleben würde.
Es trifft doch immer die anderen.
Dieses Mal nicht, es trifft uns, uns alle, die gesamte Menschheit und überall auf der Welt.
Was für eine Katastrophe.

Aber vielleicht braucht die Welt genau diese Katastrophe um aufzuwachen.
Damit die Menschheit darüber nachdenkt, was sie tut.

Und ich glaube, es ist allerhöchste Zeit aufzuwachen und das ganze Gefüge zu überdenken und zu ändern.
Nicht nur Corona macht alles anders.

… und ich wäre so gern mal auf Mykonos …



Ausgebremst
Claus Schierenbeck, 22. März 2020

Booohhh geht der los, der Anzug ist schon ein Hammer und es fährt sich großartig in der „Kiste“.
Ich biege auf die Autobahn gebe Gas und beschleunige: 100 ... 150 ... 180 ... 200 Der Tacho geht noch höher, und ich erreiche 220 km/h. Mein Herz klopft, und ich fliege an den Autos rechts von mir vorbei. Die Überholspur ist meine. Geil. Scheiße, was macht der da? Der fährt raus, der fährt doch tatsächlich raus und kommt ganz langsam und gemütlich auf die Überholspur. Ist der nicht ganz dicht? Im Bruchteil einer Sekunde schießen mir Fragen durch den Kopf: Links vorbei, rechts vorbei, mitten rein, auf der Standspur vorbei … Was tue ich? Ich entscheide mich für eine Vollbremsung. Die Beschleunigungskräfte ziehen mich nach vorn, der Gurt ist unter Volllast, mein Herz hämmert. Bremsen, nur noch Bremsen. Und da ich mich dafür entschieden habe, muss ich da durch …  

Bremsen auf der Überholspur, so kommt es mir gerade vor. Die Situation ist ähnlich. Die Menschheit hat Gas gegeben! In den letzten vielleicht 200 Jahren haben wir Gas gegeben, sind auf die Überholspur gewechselt und haben das Tempo exzessiv erhöht. Haben uns gefreut über Wirtschaftswachstum, die technischen Errungenschaften, über schnelle Autos, Handys und ich weiß nicht was. Diejenigen, die wir überholt haben sind die Tiere, die Natur, das Klima, die Rohstoffe, die Erde – und teilweise uns selbst. Wir nehmen in Kauf, dass unsere Erde – die einzige, die wir haben – auf der wir leben und die es gut mit uns meint, die wie eine Mutter ist, langsam aber sicher von uns selbst zerstört wird.Wir nehmen in Kauf, dass unsere Kinder in eine Welt auf der Überholspur geboren werden.Wir nehmen in Kauf, dass alles, was dieses Tempo nicht mithalten, kann kaputt geht. Völlig wurscht, ob Menschen Burnouts bekommen, ob die Erde einen Kollaps bekommt. Völlig wurscht sogar, ob es uns selbst dabei noch gut geht, oder wir in den Abgrund laufen wie die Lemminge. Und nun kommt da etwas auf die Überholspur. Aber nicht langsam, sondern plötzlich und gnadenlos. Ein Virus zwingt uns zu einer Vollbremsung. Ein winziges Teilchen, von denen wir schon so viele überholt haben. Die Beschleunigungskräfte reißen uns noch nach vorn. Aber plötzlich reihen wir uns wieder ein in die normale, von der Natur vorgegebenen Geschwindigkeit. Nach nur wenigen Wochen ohne Menschen kommt die Natur zurück in die Städte. Kommen Menschen zur Ruhe, kommt die Welt zum Durchatmen. Der Tsunami kommt erst noch. Im Moment schauen wir gerade noch auf die erste Welle. Was wird danach kommen? Wir wissen es nicht, und keiner kann es vorhersagen. Aber jetzt haben wir Zeit zum Nachdenken, zum Überdenken, zum Verändern, zu Verbessern. Jetzt brauchen wir Philosophen und keine Idioten, jetzt brauchen wir keinen blinden Aktionismus, sondern neue Konzepte und klaren Menschenverstand.

Jetzt haben wir die Chance. Wir sollten sie nutzen.



Corporate Identity - oder die Farben der Familie
Claus Schierenbeck, 09. Juli 2018


Wir waren etwas, wir waren eine große „Familie“, wir waren drei große Farben, wir waren Hanseaten, wir waren Lufthanseaten.

Die Königsklasse der Fliegerei war mit dem Namen Lufthansa verbunden. Wer dabei war, ein Lufthanseat war, war interessant, war ein Exot, war überall gut angesehen – und war stolz.
Stolz, in dieser Familie mitfliegen zu dürfen, stolz ein Mitglied dieser Gemeinschaft zu sein, stolz dazu zu gehören.
Niemals hatte es die Lufthansa nötig, Stellenangebote auszuschreiben, weil sich jeder auf irgendeinen Beruf bei der Lufthansa bewerben wollte. Es war fast egal was es war, Hauptsache Lufthansa.
Dabei sein, Lufthanseat sein. Ohne, dass jemand etwas von Corporate Identity sagen musste, hat man genau das gelebt.
Und wenn überhaupt Mitarbeiter einer Firma jemals Corporate Identity gelebt haben, dann die Lufthanseaten.
Ich kann mich an ein T-Shirt mit einem unglaublichen Aufdruck erinnern, welches in einem Satz das Lufthansa-Feeling ausdrückt:
„merry me, fly ten percent“
Wie cool. Das hatte etwas. Für zehn Prozent mit Lufthansa fliegen zu dürfen war auch für Lebenspartner eine absolute Attraktion und sicherlich für so manche ein Argument, bei der Partnerwahl ein Auge zuzudrücken …
Stolz und weltmännisch vertrat man also etwas Großartiges und ließ sich von der Familie Lufthansa gern vereinnahmen.
Auf den Flughäfen der Welt hat man den Kranich in dem gelben Kornfeld mit dem blauen Himmel gesehen und immer wieder gedacht: „Klasse, ich bin dabei.“
Es war toll.

Aber was ist denn eigentlich passiert mit dem stolzen Gefühl „Familie Lufthansa“ während der letzten Jahre?
Was ist von alldem geblieben?
Die ehemaligen Kollegen, die ich treffe, haben dieses Gefühl nicht mehr.
Es gibt externe Stellenausschreibungen. Plötzlich will nicht mehr jeder bei der Lufthansa arbeiten. Was ist da passiert? Ich weiß es nicht, aber es ist sehr schade.
Wenn ich als Lufthansa-Pensionär einen Lufthansa-Flieger gesehen habe, ist es immer wieder aufgeblitzt, dieses Gefühl des Besonderen und das Gefühl: „Schön, dass ich dabei war.“ Und ich erinnere mich gern an den Zusammenhalt, den Spaß und ein tolles Arbeitsleben mit allen Höhen und Tiefen und einer interessanten Karriere.
Gestern bin ich am Flughafen vorbei gefahren, sah einen Lufthansa-Flieger starten und mit einem Blick war alles vorbei. Das Gefühl war zerstört.
Der Kranich steht nicht mehr im Kornfeld. Er ist degradiert in einem weißen Kreis. Es lebt nichts mehr in diesem Blau. Er hat keinen Wiedererkennungswert mehr. Er geht unter in der Masse der Airlines. Er ist kein Exot mehr, nichts Außergewöhnliches, nichts Besonderes.

Es gibt kein Corporate Identity mehr. Und es mag ihm jetzt so gehen, wie meinen ehemaligen Kollegen. Das Besondere hat sein Ende gefunden, und nicht zuletzt wegen der Farben der Familie.

Nun werde ich wohl nicht mehr hinschauen, wenn ein Flieger startet.

Aber es steht ja noch die alte 707 am Hamburger Airport. Und da blitzt es doch nochmal auf, das unglaubliche Gefühl, dabei gewesen zu sein.

Ich hoffe, diese 707 bleibt unlackiert, damit wenigstens dort noch eine Zeitlang der Kranich in seinem Kornfeld stehen darf.

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