Erzählungen 2021 - Claus Schierenbeck - cds.art.de

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CLAUS SCHIERENBECK

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CLAUS SCHIERENBECK: ERZÄHLUNGEN AUS DEM LEBEN

- Teil 2 -



Komparse, Kiezkomparse. Klappe eins, die Erste ...
Claus Schierenbeck, 25. April 2021


Es ist Corona-Zeit, triste Zeit, komische Zeit. In einen Haushalt darf nur eine andere Person zu Besuch kommen. Es ist Donnerstag und ich fahre mal zu meinem Freund Christian auf einen Kaffee und einen Berliner.
Wir reden so über dies und das. Irgendwann fragt mich Christian, ob ich mal ein paar Fotos von ihm machen könnte. Ich fotografiere gerne und lege schnell los. Portrait, in ganzer Größe und im Profil. „Was willst du denn damit machen?“ frage ich. „Ach“ sagt er „ich will mich als Komparse anmelden.“ Das ist ja lustig, das wollte ich schon lange …  – und er macht dann auch ein paar Fotos von mir.

Kaum zuhause setze ich mich an den Computer und suche nach Casting-Agenturen.
„Kiezkomparsen.de“ hört sich gut an. Ich gebe meine Daten ein, lade die Fotos hoch und freue mich, nach langer Zeit wieder ein Ziel zu haben. Mal schauen, was draus wird.
Ein bisschen Gartenarbeit ist fällig. Zwei, drei Stunden später setze ich mich wieder an den Computer. Ding Dong, eine Email von den Kiezkomparsen. Ich glaube es ja wohl nicht – tatsächlich eine Anfrage für einen Werbespot.
Ich sage natürlich sofort zu und erfahre, dass ich schon am Montag meinen ersten Drehtag haben soll. „Ist ja irre“ denke ich und bin sofort ein wenig aufgeregt.

Am Montag fahre ich zum Drehort und habe so gar keine Ahnung, was mich dort erwartet. Ich laufe ein wenig herum, um den Ort des Geschehens zu finden. Aber dann sehe ich schon die Autos der Filmgesellschaft und einige Menschen herumlaufen. „Wo muss ich denn hin, ich bin als Komparse hier?“ frage ich den Nächstbesten. „Ach, geh einfach da runter, dann findest du alle.“ Der Mann ist völlig entspannt, während ich nun doch etwas unruhig werde. Ist ja schließlich mein erster Drehtag.
Ich finde die ganze Crew und gehe drauf zu. Ein sehr netter junger Mann fragt mich, ob ich Komparse bin und nach meinem Namen. Sascha ist Komparsen-Betreuer und total locker drauf. Ich gehe zum Corona-Test (man achtet sehr streng drauf, dass alle sich an die Regeln halten).
Der Test ist negativ, das ist doch schon mal was. Und plötzlich bin ich dabei. Übergangslos.

Die Technik ist damit beschäftigt, das Equipment aufzubauen – schwarze Wände, Lampen, riesige Rohrgestelle, Kamerawagen, Kameras, Schienen für die Kameras. Alles wird nach Angaben der Regie und Regieassistenz gestaltet.
Wir, die Komparsen, verteilen uns in einem großen Raum mit genügend Abstand.
Die Masken- und Kostümbildner kommen und kleiden uns ein bzw. um, legen hier ein paar Haare zur Seite, rücken die ausgeliehenen Krawatten gerade und so weiter. Ich soll doch noch einen Anzug bekommen und ziehe mich um. Nicht mein persönlicher Stil, aber passt.

Wir haben noch Zeit, weil die Technik noch nicht steht. Also geht`s erst einmal zum Catering. Die Jungs machen eigentlich Events wie Hochzeiten oder ähnliches. Sie freuen sich, dass sie in dieser Zeit wenigstens etwas zu tun haben und sind sehr bemüht, uns alle zufrieden zu stellen. Es gibt alles Mögliche an warmen oder kalten Getränken, frisch zubereitete Sandwiches, Kuchen und, und, und. Alles sehr lecker, und ich denke: „Das hat sich schon gelohnt, dabei zu sein.“
Es finden sich sehr kleine Grüppchen zusammen. Man plaudert so vor sich hin, und meine Aufregung geht ‘gen Null. Alle sind locker und entspannt. Ich gebe mich nun einfach dem Geschehen hin.

Die Regie kommt und es gibt ein „Line Up“ – man sagt uns, was wir machen, oder lassen sollen, man stellt uns hin, wo man uns haben will (ich werde x- Mal umgestellt). Dann klebt man mir Klebestreifen vor die Füße. Da bleibst du einfach stehen. „Ok, mach ich.“

Die Hauptdarsteller kommen und es gibt die ersten Proben, neue Kameraeinstellungen.
Ton ab, Kamera läuft, Klappe sowieso die erste. Ich bin drin, ich bin tatsächlich dabei. Das Schauspiel beginnt.
Das geht so den ganzen Tag. Immer wieder von Neuem, immer wieder die gleiche Szene von mehreren Seiten, immer wieder wird umgestellt, und man achtet drauf, dass die gleichen Leute am gleichen Platz stehen.  Zwischendurch gibt es viele Pausen und neue Einstellungen. Und wieder trifft man sich beim Catering, isst und trinkt und unterhält sich.

Ton ab, Kamera läuft, Klappe sowieso die einhundertsiebenundzwanzigste. Puuuhhh!!!
Ich kann nicht mehr stehen, der Rücken schmerzt.

Ich habe gut gegessen, viel Spaß gehabt, gute Gespräche geführt und war das erste Mal bei etwas für mich völlig Neuem. Ich fahre nach 9 Stunden nach Hause und bin happy.  Total happy. Was für ein schöner Tag in dieser komischen Zeit. Leute kennengelernt, das Filmen kennengelernt, Spaß gehabt.

Witzig ist, dass das Filmen selbst gar nicht so viel Raum bei mir eingenommen hat an diesem Tag. Viel wichtiger waren die sozialen Aspekte – und natürlich das hervorragende Catering…

HILDEGARD & ERNST KLEINERT
Claus Schierenbeck, 02. Juli 2021


Klappe 27 die Erste.

Mein Gegenüber, ein sehr netter Schauspieler, gibt mir den Schlüssel für ein Fahrzeug, welches ich gleich auch noch fahren darf. Bei solch einem Auto muss man schon sagen „darf“. Es ist ein Oldtimer – und für mich ein ganz besonderer Oldtimer. Da ich mittlerweile auch fast schon zu den Oldtimern gehöre, habe ich sozusagen miterlebt, wie die ersten dieser Fahrzeuge vom Band gerollt sind.
Ich stehe an der Tür eines Karmann Ghia. Ich bin Komparse bei einer Fernsehserie und spiele einen Autokäufer.
Ich habe den Schlüssel in der Hand, setze mich hinein in den Karmann. Zündschlüssel drehen und losfahren. Wahnsinn. Ich habe auf einem VW Käfer das Autofahren gelernt, die Schaltung ist kein Problem.

Unglaubliche Erinnerungsfragmente überkommen mich:
Es ist 1958 und ich stehe an der Hand meiner Eltern an der Überseebrücke in Hamburg. Dort läuft ein Passagierschiff ein. Eins von den schnittigen Dampfschiffen, wie man sie von früher kennt. Für mich kleinen Knirps mit meinen 4 Jahren ein riesiges Abenteuer, hier auf dem Ponton der Überseebrücke zu stehen. Das Schiff ist riesengroß und meine Augen wohl noch größer. Das Schiff kommt aus Übersee, aus Südamerika.
Ganz viele Menschen stehen an Bord des Schiffs und winken den unten Stehenden, ebenfalls unglaublich vielen Menschen zu.
Dann plötzlich wird das Gewusel unüberschaubar, und die Menschen vom Deck schieben sich die Gangway herunter. Ich sehe nur noch Beine und das Schiff. Die Leute begrüßen sich, liegen sich in den Armen, küssen sich, lachen und freuen sich. Es ist ein immenser Haufen guter Energie, und der Ponton schwankt unter der Last.
Irgendwo dazwischen stehen wir und warten. Ich hatte schon wieder vergessen, dass wir ja einen Grund hatten, hierher zu kommen und das Ganze zu erleben.
Die Menge lichtet sich und es werden immer weniger Menschen. Da stehen noch zwei, für mich sehr exotisch aussehende Personen – ein Mann mit schwarzen, glatten, nach hinten gekämmten Haaren und einem Schnauzer und eine Frau mit ebenfalls dunklen Haaren. Beide tiefbraun gebrannt. Mit einem riesigen Überseekoffer.
Mein Onkel Ernst und meine Tante Hildegard kamen aus Montevideo, der Hauptstadt von Uruguay. Sie haben dort 4 oder 5 Jahre versucht zu leben und dann doch gemerkt, dass es zu schwierig ist, dort Fuß zu fassen.
Jedenfalls waren sie wieder da.
Im Laufe der nächsten Jahre entwickelte sich ein tolles Verhältnis zu den beiden, und sie waren wirklich meine Lieblingstante und mein Lieblingsonkel. Es war schön, bei Ihnen zu sein, Geschichten zu hören und Bilder anzuschauen von ihren Reisen durch Südamerika. Die Beiden wirkten immer, als wären sie frei von allen Zwängen. Sie waren immer locker, fröhlich und liebenswürdig.
Sie hatten sehr ungewöhnliche Bilder vom Zuckerhut aus Perlmutt. Die schillerten in allen Farben und ich fand das toll. Überhaupt – Montevideo, Rio de Janeiro, Sao Paulo usw. – die Namen dieser Orte entfachten in mir ein unglaubliches Fernweh.
Und die beiden hatten – na, was wohl – einen Karmann Ghia in Perlmutt-weiß. Auch dieser schillerte ganz leicht bunt. Wenn sie bei uns zu Besuch waren, bin ich bei Ihrer Ankunft und beim Abschied immer auf die Straße gelaufen, weil ich mich so auf sie gefreut hatte und weil ich das Auto sehen wollte (immerhin wohnten wir in der vierten Etage). Was für Zeiten…

Es ist schon unglaublich, was ein Stück Blech für einen Erinnerungsschwall auslösen kann.
Ich kann mich sehr gut erinnern, dass bei den Bildern der beiden auch Fotos von Flugzeugen waren. Flugzeuge haben mich in meinem späteren Leben ganze 38 Jahre begleitet, da ich bei der Lufthansa gearbeitet habe. Vielleicht angetrieben durch die Geschichten der beiden und den exotischen Städtenamen, die dieses Fernweh ausgelöst hatten.
Jedenfalls ist mir ein Bild sehr in Erinnerung geblieben. Es war eine 707 der Lufthansa bei der Landung in Rio de Janeiro und man sah im Hintergrund den Zuckerhut. Sowohl das Flugzeug und auch der Zuckerhut hatten es mir angetan. Ich sehe das Bild immer noch vor mir. Beeindruckend!
Den Zuckerhut habe ich irgendwann später auch besucht. Leider lebten die beiden da schon nicht mehr, sonst hätte ich ihnen sicher davon berichtet und vielleicht ein schönes Perlmuttbild mitgebracht.
Die alte 707 mit den schön geschwungenen Triebwerksauslässen habe ich immer am Flughafen in Hamburg gesehen. Sie war für Azubis zur Ausbildung und für mich immer der Teil meines Berufs und meines Arbeitslebens bei der Lufthansa.
Leider ist gerade jetzt auch eben dieses, das letzte Flugzeug seiner Art verschrottet worden. Wie viele Erinnerungen mögen an der alten 707 mit der Bezeichnung D – ABOD der Lufthansa gehangen haben, wenn ein kleiner Karmann Ghia schon solche Spuren hinterlässt?

Nun ja, der Karmann ist geblieben und ich danke dem Regieassistenten dafür, dass er mich ausgesucht hat, ihn zu fahren.
Und natürlich für die schönen Erinnerungen an meine Lieblingstante Hildegard und meinen Lieblingsonkel Ernst.

SCHÖN ESSEN GEHEN…?
Claus Schierenbeck, 20. September 2021

Weinlesezeit, gute Weine, fröhliche Menschen, Spaß und gutes Essen.
Wir sind für ein paar Tage in der Pfalz. An den Wochenenden zur Weinlesezeit sind die meisten Lokale natürlich sehr stark frequentiert, und man hat kaum eine Chance auf einen Tisch. Aber Anita hat glücklicherweise schon von Hamburg aus einen Tisch für Samstag in der „Henninger Weinschänke“ an der Weinstraße 101 in Kallstadt reserviert. Wir gehen also dorthin und freuen uns auf gutes Essen und einen entspannten Abend.
Aber manchmal kommt eben alles anders als man denkt…

Das Lokal ist voll und eine Kellnerin fragt uns ob wir reserviert hätten.
„Ja“
„Ah ja, dort hinten ist für Sie reserviert“.
Wir begeben uns in Richtung des zugewiesenen Tisches als wir plötzlich in militärischer Manier angeschnauzt werden:
„Halt, wo wollen Sie hin?“
„Äh, wir haben reserviert und Ihre Kollegin hat uns hierher geschickt.“
„Sie können sich nicht einfach hinsetzen. Bleiben Sie stehen, ich muss erst nachschauen“.

Wir stehen zwischen den Tischen und fühlen uns äußerst unwohl, weil wir die essenden Gäste an den Tischen stören.
Nach einiger Zeit – sie kommt nicht zurück – gehe ich ihr hinterher und frage, was denn nun wäre???
„Setzen Sie sich auf die rechte Seite des Tisches“ kommt in einem Ton, der mich zusammenzucken lässt. Ich denke mir, dass ich doch Gast bin und bezahle und ich mir mir einen solchen Ton nicht gefallen lassen muss.
„Geht das auch etwas freundlicher?“ frage ich noch sehr ruhig.
„Was wollen Sie denn?“ und grummelt noch etwas in ihren Bart (sie scheint wirklich einen Bart zu haben)
Wir setzen uns und sind ziemlich irritiert und verärgert.
Sie kommt zu uns, klatscht die Menükarten auf den Tisch und zischt:
„LucaApp an der Seite einchecken“.
„Sind wir hier beim Militär“? fragt unsere Freundin Ingrid.
„Hä“ erwidert sie
Ich sage: „Ein freundlicher Ton und ein Bitte wären doch ganz nett, oder“?
„Auf solche Gäste wie Sie kann ich auch verzichten, Tschüs…“ ist ihre Antwort, dreht sich um und geht weg.

Die Gäste um uns herum schauen uns sichtlich verwundert an.
Wir sind sprachlos.
Ich schaue ihr nach und sehe ihren „Bart im Fahrtwind“ flattern. Es ist gar kein Bart, es sind die Haare auf den Zähnen, die schon so lang gewachsen sind, dass sie aus dem Kinn wieder herauskommen…
So eine verhärmte Frau erlebt man selten.

Draußen angekommen – genervt, sauer, sprachlos, ja fast wütend – suchen wir nach Plan B. Was tun am Samstag Abend?
Wir fahren ein Stück und kommen am „Restaurant Cockpit“ in den Almen 5 in Bad Dürkheim vorbei. Sie haben tatsächlich noch einen Tisch frei! Einen einzigen!
Wir werden total nett bedient, die drei Kellner/innen sind locker, fröhlich, gut gelaunt und sorgen dafür, dass wir uns wirklich wohlfühlen.

Welch eine Wohltat nach dem Desaster. Vielen Dank liebe Cockpit-Crew, Ihr habt uns den Abend gerettet.


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